Text

 

Im Farbraum

Gedanken zu Katrin Laades Arbeiten

Was Bilder nicht sein sollen:

zu mutlos, zu trübe, zu pastellig, zu lieblich, zu voll, zu leer, zu steif.

Was Bilder sein sollen:

Momente des Risikos. Wahrhaftig, spannend, frisch, leicht, nicht spekulativ.

Sagt Katrin Laade.

Die japanische Hofdame Sei Shonagon hat vor mehr als tausend Jahren in ihrem „Kopfkissenbuch“ kleine Listen wie diese geführt. Dass sie mir jetzt einfallen, hat seinen Grund. Denn spricht man mit Katrin Laade über ihre Malerei, dann kommt man schnell an Grenzen des Möglichen. Das malerische Ereignis entzieht sich textlichen Zuschreibungen. Umschreibungen, Assoziationen, Wortreihen sind daher mögliche Formen der Annäherung.

Der Kunsttheoretiker und Kurator Stephan Schmidt-Wulffen hat dieses Phänomen der „Begriffslosigkeit“ in seinem Buch „Spielregeln – Tendenzen der Gegenwartskunst“ prägnant beschrieben: „Das Außergewöhnliche der Kunst ist, dass sie in so eigenartiger Weise nachdenkt. Die Werke eines Künstlers drücken eine Haltung zu Wirklichkeit und Welt aus, aber sie bringen sie nicht auf den Begriff. Ihre Methode entspricht in vollkommenster Weise ihrem Objekt: Sie analysiert Wirklichkeit, indem sie an ihr teilnimmt, oder umgekehrt, indem sie an der Wirklichkeit teilnimmt, analysiert sie sie.“

In diesem Sinn entsprechen die Regeln, die für dieses Spiel spätestens seit der Moderne gelten, individuellen Setzungen. Katrin Laade bewegt sich – bleibt man bei diesem sprachlichen Bild – seit ihrem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf auf dem von ihr entwickelten Spielfeld der malerischen Abstraktion, dessen Ränder und Möglichkeiten die Künstlerin in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich erweitert hat. Es ist kein Zufall, dass die Serie der „16 Porträts“ von 2010 den Beginn dieses Katalogbuches markiert, denn auch wenn die Bezüge zu früheren Werkphasen offensichtlich sind, wird mit den „16 Porträts“ eine Art Atlas oder Alphabet einer neuen Formensammlung geschaffen, aus der heraus sowohl die eindrucksvoll großen Formate wie die kleineren, leichteren Tondi der folgenden Jahre entstehen. Neu ist dabei nicht nur die Formensprache, sondern auch die Technik, die eine andere Farbigkeit ermöglicht: Öl, statt Acryl, auf Nessel, dazu kommt die Arbeit mit Schablonen.

Satte, frische, leuchtende Farben sind die Folge. Feinste Akkorde oder kraftvolle Klänge. Pink steht neben Orange, hinter Grün, Türkis, Blau. „Rot ist die Nacht.“ Gelb auf Gelb wird zum Netzwerk eines glühenden „Indian Spring“. Vor hellstem Grau, fast schon ein Weiß, tauchen Rosa, Orange, Grün und Blau auf und verschwinden wieder wie in einer Art zartem Nebel. In einigen neuesten Arbeiten bleibt das Nessel selbst wie eine Art empfindsame Haut als ungrundierte Folie stehen, vor der Katrin Laade in sensibler Souveränität mit der Lust an der Farbe spielt. Licht durchscheint die abstrakten Szenerien von innen. Sie strahlen.

Immer wieder wird die Energie über den Bildgrund aufgebaut, durch sie wird der Blick des Betrachters in eine Art Farbraum gesaugt oder entlang eines Zickzackmusters, über Kreuz- oder Netzlineaturen hin und her geführt. Und in diesem Farbraum schweben dann – vor-, hinter-, nebeneinander – all diese Zeichen, Juwelen, Buchstaben, manchmal ganze Worte und Sätze, Sterne, Pril-Blumen, Ampeln, Kreise, Rauten, Spielfiguren, Augen, dazwischen auch mal fast geometrische wirkende Konstruktionen – jenes eigenwillige Vokabular an Formen und abstrakten Symbolen, das Katrin Laade in den neueren Arbeiten entwickelt hat und das nur noch vage an die gestischen, kalligrafischen Notationen der früheren informellen Malerei erinnern. Manches dieser rätselhaften Zeichen und Räume findet sie auf Bildrecherche im Internet. Aus virtuellen Tiefen scheinen sie ebenso aufzutauchen wie sie collagierte Teile einer möglichen realen, mit Witz und Ironie angeeigneten Welt sein könnten. Es spielt keine Rolle. Frech, klar, direkt, immer wieder überraschend behaupten diese Bruchstücke ihren Platz, dynamisieren die Bildstruktur, lösen sie auf, bringen sie in Bewegung. Dem entspricht der Malprozess: Katrin Laade stellt die Leinwand nicht auf eine Staffelei und lehnt sie nicht an eine Wand, um zu arbeiten. Sie legt sie auf den Boden und nähert sich dem Bildraum von allen Seiten an – in einem eigenen musikalischen, fast tänzerischen Rhythmus.

Johannes auf der Lake hat schon vor früheren Bildern von Katrin Laade die Frage gestellt, ob diese explodieren oder implodieren. Dies bleibt auch vor den neuen Arbeiten offen. Was zu sehen ist, scheint nur ein Moment des Innehaltens, ein Ausschnitt, ein Rauschen, ein Klang, eine Möglichkeit, ein Augenblick.

Was also sind diese Bilder?

Riskant, wahrhaftig, spannend, frisch, nicht spekulativ und – auf wunderbare Weise – zugleich rätselhaft.

Petra von Olschowski

(Katalog 2015/16)

 

Trendwände 2008

Explodieren oder implodieren die Bilder von Katrin Laade? Bersten also ihre Farbformkonstrukte und drängen wie nach dem Urknall ernergiegeladen nach außen um extraordinäre Material – und Formvarianten freizusetzen? Oder treibt eine äußere künstlerische Kraft die schiere Fülle der malerischen Palette zu einem komprimierten formalen Entwurf, dessen Gefüge sich als gehaltvolle Mischung formt? Wird das Statische richtungsgebunden dynamisiert, entwickeln sich also aus Punktformen, diesen „Urelementen der Malerei“ (Kandinsky) Linien und Flächenkonstrukte oder ist auch die Umkehrung dieses Prozesses möglich? Katrin Laade erfasst in ihren Bildern die Momente der jeweils individuellen malerischen Entwicklung, in der beide Varianten als strukturelle Erklärungsmuster möglich sind. Indem sie sie, vergleichbar einem Filmstill, fixiert, fordert und fördert sie den Betrachter dabei, sich dem Bild gegenüber nicht nur zu verhalten, sondern auch zu verorten. Es reicht also nicht zu sagen „ganz interessant“, oder „interessiert mich nicht“. Als Betrachter nehme ich tatsächlich teil an der Vorstellung einer malerischen Entwicklung und muss mich dabei vorsehen, von den bildhaft gebändigten Farbformen nicht „erschlagen“ oder „aufgesogen“ zu werden.

Johannes auf der Lake, 2008